Ich habe die ehrenvolle Aufgabe, die Mock Oral Exams – sozusagen ein Test für die mündliche Abschluss-Prüfung - durchzuführen. Über 3 Tage verteilt darf ich 17 Schülerinnen aus dem 6. Jahr je 15 Minuten lang befragen und anschließend beurteilen sowie benoten.
In der mündlichen Prüfung gibt es keine Überraschungen. Während der ersten 5 Minuten werden ihnen “allgemeine Fragen” zu ihrer Person, Schule, Familie, Hobbys usw. gestellt. Alle möglichen Themen, alle möglichen Fragen sind vorher bekannt und wurden mit mir in Einzelstunden individuell bearbeitet.
Danach bekommen sie eine Bildergeschichte (5-6 Bilder) vorgelegt, bei der sie erzählen müssen, was passiert. Sie müssen beantworten, wie die Geschichte nach dem letzten Bild weitergeht und was ihre Meinung zum Thema (z.B. Schüleraustausch) ist. Es gibt fünf Bildergeschichten, die dran kommen können. Alle fünf sind vorher bekannt und werden ausführlich im Unterricht besprochen.
Die Aufgabe der letzten 5 Minuten ist ein Rollenspiel. Wie auch bei den Bildergeschichten kennen sie alle fünf möglichen Rollenspiele im Voraus, haben alle fünf Rollenspiele vorbereiten können. Alle Informationen stehen auf dem Arbeitsblatt, das sie auch während der Prüfung erhalten. Sie müssen die Informationen mehr oder weniger nur in die erste Person übertragen und auf den Prüfer reagieren. Auch das kann man leicht vorbereiten. Die meisten Prüfer bekommen sogar von den Lehrern gesagt, wie das Rollenspiel verlaufen soll.
Heute ist also der erste Tag. 5 Schülerinnen habe ich gesehen. Es ist keine leichte Aufgabe, gleichzeitig Fragen zu stellen, Beurteilungen zu schreiben und sich Gedanken über eine gerechte Benotung zu machen. Ich bin froh, dass ich nun erst mal Pause habe. Die Schülerinnen heute hätten unterschiedlicher nicht sein können. Ich hatte eine sehr gute Schülerin mit fast voller Punktzahl, aber auch eine, die bei der Bildergeschichte 0 Punkte bekommen hat. Nicht, weil ich boshaft bin oder die Schülerin nicht leiden kann. Frau ist ja neutral und so objektiv als möglich. Nein, sie hat mich während der ganzen Zeit nur angestarrt und war nicht fähig, auf die einfachsten, langsamsten Fragen zu antworten. Was will man da machen?
Ich versteh es nicht. Alle Themen sind im Voraus bekannt. Schon mit wenig Vorbereitung ist eine gute Note möglich. Die Schüler bekommen die mündliche Prüfung im Prinzip geschenkt! Ist es ihnen einfach nicht bewusst, weil sie nur diese seichte Art des Unterrichts und der Prüfung kennen? Und dann soll man einen irischen Bachelor mit einem deutschen vergleichen oder gar gleich setzen können? Ich kann nur den Kopf schütteln...
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